AUSGABE 12/2018

Digitalisierung. Automatisierung. Roboterisierung. Künstliche Intelligenz. Die Zukunftsszenarien, die uns in schöner Regelmässigkeit präsentiert werden, rauben einem bisweilen den Atem. Die Entwicklung schreitet schneller voran, als ihr manche Menschen, Organisationen, Unternehmen oder gar Nationen folgen können. In Leitbildern wird wohl werteorientiertes Handeln als zentraler unternehmerischer Vorsatz auf Papier geschrieben. Oder eher schön-g-eschrieben. Denn angesichts der Massnahmen, welche aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung und angesichts der angekündigten Entwicklungszenarien notwendig sind, rücken -Werte und ethische Grundsätze leider nur allzu oft in den Hintergrund. Sie haben einfach keinen Platz mehr, werden verdrängt vom Druck, sich dem Wandel anpassen zu müssen. Ein Wandel, der Verlierer hinterlassen, aber auch Gewinner hervorbringen wird.

Derzeit ist es nicht einfach, sich ein Bild zu verschaffen, welche Entwicklungen auf reiner Ankündigungsstrategie basieren  und welche Szenarien denn auch wirklich umgesetzt werden können. Eine differenzierte Beurteilung lohnt sich, geht es bei vielen Projekten, welche aufwändig angekündigt werden, doch nur um die marketingmässig geschickt inszenierte Suche nach Investoren. Doch Ankündigungen haben insofern auch positive Seiten, als dass sie ein Umdenken auslösen, den Horizont öffnen, Verhaltensänderungen befeuern können und der Menschheit und der Wirtschaft die Chance geben, sich auf die Zukunft vorzubereiten.

In wenigen Tagen feiern wir Weihnachten. Festtage sind ein beständiger Wert, die in der heutigen Zeit noch jenen Halt zu vermitteln vermögen, welcher durch das immer höhere Tempo der Veränderungen und des technologischen Fortschritts für einen Teil der Menschheit verloren zu gehen droht. Weihnachten 2.0 wird es wohl nie geben – Gott sei Dank.

In diesem Sinne: Geniessen Sie die ruhigere Zeit der Festtage! Wir freuen uns und danken Ihnen, dass Sie zu den treuen Leserinnen und Lesern der AeroRevue gehören. Ihnen und Ihren Angehörigen wünschen wir von Herzen besinnliche Tage und für das kommende Jahr 2019 Gesundheit, Glück und Wohlergehen. Möge jeder Tag für Sie zu einem Festtag werden.

Ausgabe 11/2018

SAC-Hüttenwarte sind Gastgeber der Berge. Sie sorgen dafür, dass Wanderer und Bergsteiger eine warme Mahlzeit und ein frischgemachtes Bett bekommen. So beschreibt der TV-Sender SRF im Porträt des Sendeformats «SRF bi de Lüt – Hüttengeschichten» die Aufgabe der SAC-Hüttenwarte. Die Sendung taucht ein in das Alltagsleben derselben und bringt uns die Ansprüche der Touristen und Gäste näher. Der Aufwand an Kameratechnik und Material ist laut SRF minimal, es seien nicht immer Helikopterflüge möglich. Kürzlich stellte ein Boulevardmedium fest, dass sich zu den «Monsterarbeitstagen» der Hüttenwarte immer wieder Frust geselle. Zum Beispiel dann, «...wenn Wanderer ihren privaten Müll bei mir in der Küche abgeben wollen», wie eine Hüttenwartin zitiert wird. Doch es genüge dann, zu erklären, «dass wir einen Helikopter bezahlen müssen, um den ganzen Abfall wieder ins Tal zu fliegen (...).»

Bergtourismus und Helikopter: ein Widerspruch? Oder eine Frage der Perspektive, der Wahrnehmung? Wahrnehmung bezeichnet man als Prozess und als Ergebnis der Informationsgewinnung und -verarbeitung von Reizen aus der Umwelt und dem Körperinnern. Das geschieht durch unbewusstes und manchmal bewusstes Filtern und Zusammenführen von Teil-Informationen zu subjektiv sinnvollen Gesamteindrücken. Von selektiver Wahrnehmung spricht man, wenn ein Mensch bestimmte Informationen ausfiltert. Er nimmt nur noch das wahr, was er glaubt, darin zu erkennen; anderes wird ausgeblendet.

Selektive Wahrnehmung trifft man in der Luftfahrt und speziell in der Helikopterfliegerei oft an. Flüge, um Hütten für Bergtouristen zu versorgen, ja – Fluglärm in den Bergen nein. In den Hütten Abfall produzieren und diesen im Helikopter entsorgen ja – «Heli-Wandern» nein. Landeplätze bei den Hütten ja – Gebirgslandeplätze nein. Helikopterflüge für Fernsehserien ja – Training von Helikopterpiloten im Gebirge nein. Lastentransporte ja – Touristen-transporte nein.

Der Fairness halber seien zwei Bemerkungen hinzugefügt. Erstens: Auch Aviatiker unterliegen bisweilen diesem Wahrnehmungs-Phänomen. Zweitens: Inhalte und Qualitäten einer Wahrnehmung können durch gezielte Steuerung der Aufmerksamkeit verändert werden. Man spricht dann von Kommunikationsstrategie. Und neuerdings von Fake-News.

Ausgabe 10/2018

«Dräcksloch.» Ein Pilot der Swiss hat mit seiner Schimpftirade über die zeitweiligen Zustände am Flughafen Zürich erreicht, wovon Blogger, Twitterer und Möchtegern--Promis nur träumen können: Berühmtheit, um nicht zu sagen Kultstatus. Ihm gehörten, zumindest für ein paar Tage, die Sympathien der Öffentlichkeit. Denn der Pilot sprach in aller Deutlichkeit aus, worunter viele leiden: Verspätungen haben sich am Flughafen Zürich zu einem mittlerweile bemühenden Dauerzustand entwickelt. Zu Lasten der Fluggesellschaften, der Passagiere, des Flughafens, der Flugsicherung – und der Piloten. Einer von ihnen verschaffte nun seinem Ärger darüber Luft – und die «ganze Welt» erfuhr es. «Cool, ich mag den Kerl», lautet der Tenor in Kommentaren der Online-Medien; -einige wenige bezeichnen sein Verhalten als unprofessionell. Wie dem auch sei: Dem Pilotenberuf hat es nicht geschadet, im Gegenteil. Der Vorfall liess den Pilot für einmal in einem anderen Licht erscheinen, nämlich als ein Mensch, der auch mal -eine Regung zeigen darf.  

Dass der Pilotenberuf – ja generell Berufe in der Luftfahrt – nach wie vor hoch im Kurs sind, bewies der 2. Aviation Youth Congress der Stiftung Pro Aero und der Aerosuisse (Beitrag Seite 32). Auf die Ausschreibung hin meldeten sich sage und schreibe 380 Jugendliche. Rund 20 Unternehmen und -Organisationen präsentierten sich und ihre Angebote für eine Karriere in der Aviatik. Sie taten das ausgezeichnet, kompetent und kreativ. Das war Nach-wuchs-förderung von der besten Seite; interessant, emotional, umfassend, informativ und hervorragend organisiert. Weiter so! kann man da nur -sagen.

Gesucht sind auch immer wieder Fluglehrer. Dass diese Aufgabe überaus reizvoll ist, zeigt der Weiterbildungskurs des Motorflug-Verbandes der Schweiz für Fluglehrer (Seite 18). Während einiger Tage waren diese mit drei Flugzeugen im Ausland unterwegs und vertieften dabei unter anderem ihr flugtaktisches Wissen. Wissen, welches sie dereinst an ihre Flugschüler weitergeben werden. Wer weiss: Vielleicht sitzt dann einer der 380 Jugendlichen am Steuerknüppel.

Ausgabe 9/2018

Dieser Ausgabe der AeroRevue ist die Sonderausgabe «Beruf Pilot» beigelegt. Aus gutem Grund: Weltweit herrscht ein Mangel an qualifizierten Piloten. Das prognostizierte Luftverkehrswachstum
und damit verbunden der Anstieg der weltweiten Flugzeugflotte wird in den nächsten 20 Jahren laut aktuellen Studien zu einem Bedarf an 635 000 neuen Verkehrspiloten führen, 146 000 davon in Europa. Nicht eingerechnet: die Geschäftsluftfahrt. Dafür sieht Boeing einen Bedarf von 96 000 Piloten, für den Bereich Helikopter weitere 59 000. Im Magazin «Rundschau» der Pilotenverbände Aeropers und SwissAlpa titelte Dominik Haug seinen Beitrag zur aktuellen Situation mit «Piloten – von Massen- zur Mangelware».

Für unser Land ist es von existenzieller Bedeutung, zur Aufrechterhaltung eines funktionierenden Luftverkehrs auf qualifizierte, hervorragend ausgebildete Fachkräfte hiesiger Provenienz zurückgreifen zu können. Passagiere vertrauen darauf, dass die Piloten ihren Job professionell erledigen und das Flugzeug sicher zum Ziel fliegen. Konnte man in den letzten Jahren den Bedarf mit Zuwanderung noch abdecken, stellt sich angesichts des länderübergreifenden Pilotenmangels nun die Frage: Wer soll künftig die Flugzeuge mit Schweizer Kreuz am Heck noch pilotieren, wenn auch der Nachwuchs fehlt?

Fluggesellschaften wissen: fehlende Crews könnten dereinst ihr Wachstum hemmen. Deshalb haben einige begonnen, die Rahmenbedingungen für eine Ausbildung attraktiver zu gestalten im Wissen darum, dass der Bewerbermarkt heute anspruchsvoll ist. Pilot ist nur ein möglicher von vielen Berufen. Wer künftig beim Werben um die besten Talente mithalten will, muss mehr bieten. Flugschulen und Fluggesellschaften tun deshalb gut daran, sich und ihr Angebot für den Nachwuchs attraktiver zu machen.

Ich bin überzeugt: Der Wunsch, Pilot zu werden, ist bei vielen jungen Menschen nach wie vor vorhanden. Ist der Beruf erstrebenswert und sind die Arbeitsbedingungen interessant, kommt auch der Nachwuchs wieder. Nur muss dann möglicherweise auch der Anbieter das Assessment des Kandidaten überstehen...

Jürg Wyss
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